Ätiologische Erzählungen

Die ältesten überlieferten Geschichten der Menschheit sind die sogenannten ätiologischen Sagen, im Volksmund oft auch Mythen genannt. Ätiologisch bedeutet, dass sie Ursachenerklärungen über die Entstehung der Welt und ihrer menschlichen, tierischen und pflanzlichen Bewohner beinhalten. Wenn wir heute Mythen lesen, dann geschieht dies aus rationaler Perspektive, denn die Welt ist mittlerweile wissenschaftlich durchdrungen. Astronomie, Evolutionsforschung und andere Wissenschaften liefern uns Erkenntnisse über die Entstehung und Entwicklung des Weltraums, der Erde sowie der auf ihr lebenden Pflanzen, Tiere und Menschen. Aus dieser Perspektive wirken Mythen überholt. Die vermeintlichen Erkenntnisse, die sie enthalten, sind wissenschaftlich nicht haltbar.

Dennoch sind Mythen mehr als schöne Geschichten. In der Zeit, als sie entstanden sind, haben Menschen anders gedacht, als wir das heute tun. Denken war nicht nur rationales Erklären, sondern hatte auch emotionale Anteile. So sind die alten Mythen mehr als Erklärversuche. Es sind Sinnbilder, die versuchen, eine Ordnung der Welt darzustellen, die dem Menschen auch eine emotionale Struktur liefern. Und in diesem Sinne haben sie auch heute noch Bedeutung.

Narziss

Ein Beispiel: Der Mythos von Narziss (auch Narkissos)  zu finden u. a. bei Ovid, erzählt die Geschichte eines jungen Mannes, der in sein eigenes Spiegelbild verliebt ist. So sitzt er am Fluss und betrachtet sich selbst im Spiegelbild der Wasseroberfläche. Sämtliche Annäherungsversuche anderer erreichen ihn nicht. Letztlich schafft er es nicht mehr, sich vom eigenen Spiegelbild zu lösen und bleibt am Fluss sitzen, bis er “verschmachtet” ist. Statt eines Leichnahms bleibt eine Narzisse zurück.

Vordergründig erklärt dieser Mythos also, wie die Narzissen entstanden sind. Gleichzeitig liefert er eine bildhafte Darstellung der Selbstliebe, deren krankhafte Form in der Psychologie Narzissmus genannt wird. Der sprachliche Ursprung der Begriffe Narzisse und Narzissmus sowie des Namens Narziss ist allerdings das griechische Wort νάρκειν narkein, das „betäuben“ bedeutet. So hat auch der Begriff Narkose dieselbe Sprachwurzel. Die in Griechenland wachsenden weißen Narzissen verströmen tatsächlich einen betäubenden Duft. Der Mythos zeigt bildhaft die lähmende Wirkung übersteigender Selbstliebe.

So wird deutlich, dass die Mythen mehr zu bieten haben als überholte Erklärversuche der Phänomene, mit denen wir zu tun haben. Der Mythos ist ein starkes, mehrdimensionales Sinnbild, das tief in unserer Kultur verankert und somit noch heute bedeutsam ist.

This website stores some user agent data. These data are used to provide a more personalized experience and to track your whereabouts around our website in compliance with the European General Data Protection Regulation. If you decide to opt-out of any future tracking, a cookie will be set up in your browser to remember this choice for one year. I Agree, Deny
580